Claire & Gayle, frühe Siebziger

Mittwoch, 13 Juli 2011 | gefunkt von Mario Alexander Weber

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Es kommt vor, dass man Aussortiertes wieder aus dem Keller holt. Gayle McCormicks Debütplatte von 1971 ist so ein Fall. Weniger die Musik war es, die mich in den Keller gehen ließ. Wobei die LP sehr toll ist, Blue Eyed Soul, viele Coverversionen, ein kleiner Hit mit "It's a crying shame". Ich vermisste die Photos von Gayle McCormick. Vielleicht weil sie mich an Stephanie, die junge judycollinsNichte von Anna, der besten Freundin und „wahren“ Ehefrau von Don Draper erinnert. Kalifornische bread rueckLeichtigkeit, Lebensfreude, der Pazifik. Nein, das war es nicht.

Es war das Breitwandphoto im Innenteil (FOC=Fold-out-Cover). Gayle McCormick in dramatischen Farben allein am Strand. Solche Bilder gab es nur in den Siebzigern, speziell im Genré der Singer/Songwriter und im Soft Rock. (Anbei zwei LP-Rückseiten, eine von Judy Collins' "Best of" von 1972, die andere von der zweiten Bread "On the waters" von 1970, beide bei "Electra" erschienen, mit dem Schmetterling auf dem Label. Auch das waren die Siebziger) Am Strand, die Weite des Meeres im Hintergrund, Natur, Gischt, Salz, Inspiration, sich selbst suchen und finden. Heute findet man so etwas nur second hand.

mccormickfrontWährend Gayle McCormick sich in den Siebzigern leider nicht so erfolgreich an einer Solokarriere versucht, nachdem sie zuvor bei der Gruppe „Smith“* gesungen hatte, sitzt die über achtzigjährige Journalistin, Lyrikerin, Schriftsmccormickbacktellerin, Muse, Emigrantin, Nachlassverwalterin ihres Ehemanns Yvan und Zeitzeugin Claire Goll in ihrer kleinen Wohnung im 7. Arrondissement in Paris und schreibt an ihrer Autobiographie „Ich verzeihe keinem“ (Untertitel: Eine literarische Chronique scandaleuse unserer Zeit). Ich stieß auf das 1976 im Scherz Verlag erschiene Buch im Gebrauchtwarenmarkt des BRK. Ich habe selten eine zupackendere erste Seite in einer Autobiographie gelesen:

„Ich habe große Männer gekannt, sogar Genies: Joyce, Malraux, Saint-John Perse, Einstein, Henry Miller, Picasso, Chagall, Majakowski, Rilke, Montherlant, Cocteau, Dali, C. G. Jung, Artaud, Lehmbruck, Brancusi … Ihre vorherrschenden Charakterzüge waren meist eisiger Fanatismus und Verschlossenheit. […] Unter den Großen war keiner so unnahbar wie James Joyce. Ein arktischer Fisch? Eine Kreuzung zwischen Hummer und Auster? Ich habe ihn verabscheut, ohne ihn allerdings auf dieselbe Stufe der Widerwärtigkeit zu stellen wie meine Mutter, die ich über ihr elendes Sterben im Konzentrationslager hinaus hasse …“ […]

Für 1,30 € nahm ich das Buch mit und las es in eineinhalb Tagen. Es ist seltsam. Kalt, oberflächlich, ein Intellektuellen-Porno ohne Sex. Zwei Weltkriege, Emigration, unendlich viel, was in diesclaire goll coveren Jahrzehnten passiert ist, aber Goll schreibt unermüdlich und beinahe ausschließlich über Männer, berühmte Männer, berühmte Künstlermänner. Diesen kalten Hass, den sie in ihrem Vorwort ankündigt, hält sie jedoch nicht durch. Nicht nur zwischen den Zeilen findet sich Mitleid, Begeisterung, Zuneigung, Liebe für ihre Männer, allen voran für ihren langjährigen Ehmann Yvan Goll (ihre Schwiegermutter kommt übrigens auch nicht gut weg). Aber auf die Dauer ermüdet es furchtbar. Ihr eigenes journalistisches und literarisches Schaffen findet Claire Goll nicht erwähnenswert. Kaum Reflexion über das Zeitgeschehen, Involvierung wird behauptet, aber nicht geschildert. Ein groteskes Buch der Zehner-Generation vor einem Jahrhundert, lesenswert und weit, ganz weit weg. 

* Wegen Lizenzstreitigkeiten erschien auf dem klassischen "Easy rider"-Soundtrack "The weight" nicht in der Version von "The Band", sondern als Cover von "Smith", was dem einen nie aufgefallen ist, den anderen verwundert, den dritten gestört hat. Sei's drum, wer die Debüt-LP "A group called Smith" von 1969 oder die vergriffene, mit Bonus-Tracks ergänzte CD-Ausgabe besitzt und loswerden möchte, soll sich bitte bei mir melden. Gerne Tausch.

angelofoc

 

 

 

 

Mario

Mario Alexander Weber

Pilot & Listenbeauftragter
 
 
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