Im Wasser Spezial - Nevermind

Dienstag, 27 September 2011 | gefunkt von Mario Alexander Weber

Retroschnickschnack bleibt Retroschnickschnack

20 Jahre „Nevermind“, da lässt sich die Retroindustrie nicht lumpen. Die „Limited Super Deluxe Edition“ bietet vier CDs und eine DVD. Logo, das nirvana20Originalalbum samt B-Seiten, eine weitere CD mit Tracks aus den Boombox-Sessions, Demos und BBC-Aufnahmen, die dritte CD liefert die bis dato unveröffentlichten Devonshire-Mixes von Butch Vig, den Abschluss bildet ein ‘91er-Seattle-Konzert im Paramount auf CD + DVD.  Obendrauf gibt’s noch ein Buch mit vielen raren Photos und ein Poster. Wer’s ein bisschen schmaler mag, kann sich die 2-CD-Deluxe-Edition greifen. Und wer sich jetzt denkt: Was, schon wieder zwanzig Jahre um? Kam mir vor, als wäre es erst gestern gewesen … Der sollte „Nevermind“ auflegen und den Retroschnickschnack Retroschnickschnack sein lassen.

Kurt Cobain und seine Band Nirvana (bzw. die Nachlassverwalter) reiten im Heer der Retrosurfer ganz vorne auf derselben Wiederveröffentlichungswelle wie ein weiterer Seattle-Star, die Rede ist von Hendrix, Jimi.nirvanaboeblingen Der schafft es sogar, vierzig Jahre nach seinem Tod ein „neues“ Album herauszubringen (bzw. die Nachlassverwalter).  Wie Hendrix kamen Nirvana zu Lebzeiten auf drei Studioalben, Kurt Cobain starb wie Hendrix mit 27, beide verbindet, dass sie nicht als große Sänger gelten … Stop! Bei Hendrix kann man darüber streiten (ich finde, dass Hendrix als Sänger unterbewertet ist), bei Cobain nicht. Kaum jemand im Rockbereich hat und hatte so eine brüchige, intensive, aufgeraut-traurige Stimme. Neben seiner Seele und den unzähligen Winston Lights war sicher auch Cobains Hustensaftabhängigkeit Grund für diese unfassbare Stimme, die stets zu implodieren drohte. Selber mal ausprobieren: zwei, drei Fläschchen codeinhaltiger Hustensaft, zwei, drei Schächtelchen Zigaretten, mehrere Stunden Schreien auf höchstem Niveau. Wie einzigartig ein Künster war, hört man manchmal erst, wenn man andere hört, die sich an dessen Songs versuchen.

(Oben das Konzertplakat eines Konzerts, das nicht stattgefunden hat. Manche haben noch heute ihre Karte im Nachtschränkchen neben der Bibel liegen).

Der Musikexpress hat in seiner aktuellen Oktober-Ausgabe ein sehr lesenwertes „Nevermind“-Special. Der Zeitschrift liegt eine eigens produzierte und sehr hörenswerte Tribute-CD bei, auf der dreizehn Bands die dreizehn Tracks von „Nevermind“ covern: Sir Simon, Fink (aus Bristol; leider nicht die nicht mehr nevermind tributeexistente deutsche Kapelle aus Hamburg), Mando Diao, Parts & Labor, Selig, Bonaparte, Scott Matthew, Get well soon, Wallis Bird, Waters, Thees Uhlmann, William Fitzsimmons und 1000 Robota.

Interessant ist, dass fast alle Interpreten gesanglich wie Cobain klingen wollen oder müssen. Nicht anders können, weil eben Cobain als Sänger und Vorbild zu stark war. Da nehmen Sir Simon oder Scott Matthews das Tempo raus, aber trotzdem singen sie wie Cobain, wenn er das Tempo rausgenommen hätte. Mando Diao machen aus „Come as you are“ den Versuch eines bläsergetriebenen Funkmonsters (Darf man das???). Macht Spaß, funktioniert auch, tolles neues Arrangement, aber beim Gesang hört man trotzdem Kurt und nicht Björn Dixgärd. Und vermisst ihn. Viele imitieren Kurt. Der einzige, der es wirklich schafft, aus der Vorlage einen eigenen Song zu machen, sich den Song anzueignen, ist – und wer um Himmels Willen hätte das gedacht? – Thees Uhlmann, ausgerechnet Thees Uhlmann, der „On a plain“ covert. Respekt. Überraschung. Und eine tolle CD.  

NIRVANA TOP TEN

  1. Come as you are
  2. Serve the servants
  3. Jesus doesn’t want me for a sunbeam
  4. Territorial pissings
  5. Smells like teen spirit
  6. Heart-shaped box
  7. Polly
  8. About a girl
  9. Aneurysm
  10. School 
Mario

Mario Alexander Weber

Pilot & Listenbeauftragter
 
 
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