Cover ohne Flugzeuge

Samstag, 08 Oktober 2011 | gefunkt von Mario Alexander Weber

In my top 100 of all time, this record falls very near the top

Englischsprachige Songs einzudeutschen hat eine lange und erfolgreiche Tradition, die von Peter Kraus, Ted Herold und Drafi Deutscher über Karel Gotts Übersong „Rot und Schwarz“ bis hin zu den tollen Coverversionen von Erdmöbel oder Wolke reicht. Oft peinlich, selten genial, meistens aber sehr unterhaltsam. Unsere Freunde in Österreich machen hier mit großen Schmähsongs gerne mit, man denkt sofort an Wolfgang Ambros‘ Dylanadaptionen oder an die Platten von Ostbahn Kurti.

molden weidafoanEinen Meilenstein, ein neues Niveau, eine wahnsinnsgute Platte hat in diesem Zusammenhang der Wiener Musiker und Schriftsteller Ernst Molden vor drei Jahren mit seinem Coveralbum „Foan“ abgeliefert. Tolle Songauswahl (Will Oldham, Udo Lindenberg auf Wienerisch, Tom Waits, Nick Cave, Mary Gauthier molden foan…) traf auf Moldens wunderbare Wienstimme. Molden, 41 Jahre alt, hat nun eine Fortsetzung draußen: „Weida foan“ heißt es. War die erste Platte noch im Alleingang roh und direkt runtergeschrammelt (was auch ihren Reiz ausmachte), ist bei der neuen Platte Verstärkung dabei. Alles klingt runder, besser produziert – leider nicht immer zum Vorteil. Auch die Songauswahl ist nicht ganz so stark wie bei der ersten, aber drei, vier starke Coverversionen sind dann doch dabei: Finstara schdean (Radioheads‘ „Black star“), das furchtbar ernüchternde, erwachsene A Schritt vire (zwa schritt zruck) („One step up“ vom Boss) und besonders packend Es Boodliad („The ship song“ von Nick Cave).

Besonders packend will auch gerne Thees ‚Tomte‘ Uhlmann sein, der jetzt solo unterwegs ist und eine neue Platte draußen hat, die unter, ähm, Herzland-Rock eingetütet wird (wobei sein Herzland hier Niedersachsen ist). Ich hätte mir diese Platte nie gekauft, doch hat mich Thees mit seiner sehr gelungenen Coverversion von Nirvanas „On a plain“ neugierig auf seine aktuelle Arbeit gemacht (davon abgesehen ist das SW-Lederjacken-Cover von Thees‘ Solo grandios; der LP liegt es übrigens als Poster bei).

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Leider packt mich die Platte überhaupt nicht.

Wie man so frei klingt, dass es bis heute noch alle Mauern zum Einstürzen bringt, zeigte die erste, legendäre Single der Combo Pylon aus Athens, Georgia, dem Mekka des US-Indie-Rocks. „Cool“ heißt der Song auf der A-Seite, auf der B-Seite findet sich „Dub“.  1979 erschienen. Mit „Gyrate“ folgte 1980 die exzellente Debüt-LP einer Band, die heute leider in Vergessenheit geraten pylon cool original kleinist, wenn es um die großen Bands und Platten der New-Wave- und Post-Punk-Ära geht (kein Eintrag in der dt. wikipedia, bspw.). Die LP samt Single ist 2007 auf CD wiederveröffentlicht worden, in den liner notes wird u. a. Michael Stipe (R.E.M. sind ebenfalls aus Athens, Georgia) zitiert mit den Worten: „In my top 100 of all time, this record falls very near the top.“

Die Wiederveröffentlichung der beiden Pylon-LPs „Gyrate“ und „Chomp“ hat wohl Kreise gezogen. So ist jetzt bei DFA Records eine Single erschienen, auf der Deerhunter, eine der spannendsten Bands der Neuzeit, „Cool“ covern (auf der B-Seite findet sich ein Remix von „Yo-Yo“ vom mir unbekannten „Calvinist“).pylon cool klein

Deerhunter geben alles, der Bass zu Beginn ist groß und mächtig, aber unterm Strich können sie Pylon mit ihrer dann doch zu sehr werkgetreuen, beinahe ehrfürchtigen Coverversion nicht das Wasser reichen. Der große Unterschied liegt im Gesang. In keiner Sekunde reicht Deerhunters Bradford Cox an Pylons Vanessa Briscoe heran (Hugo Burnham von den Gang of Four im CD-Booklet: „We were all in love with Vanessa“). Wie Briscoe das „Cool“ in „Everything is cooooool“ unglaublich langzieht, darauf mit breitestem Grinsen surft wie auf einer 15-Meter-Welle, um es nicht nur den Jungs am Strand mal so richtig zu zeigen, ist einzigartig. Dazu kommt die schneidende Gitarre von Randall Bewley, der, so zumindest die Legende, keine einzigen Akkord greifen konnte und so in bester DIY-Manier nach Gehör spielte, was zum schrägen, wilden Charakter von „Cool“ einen nicht unwesentlichen Beitrag liefert. Großer Song, vor dem sich Deerhunter verbeugen.

Nach der auch hier erwähnten ersten LP der "Dum Dum Girls" kommt jetzt die 2. Only in dreams. Und die sollte man haben.

dumdum

Mario

Mario Alexander Weber

Pilot & Listenbeauftragter
 
 
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