Der greise Vater, der das Haus verkommen lässt

Freitag, 09 Dezember 2011 | gefunkt von Mario Alexander Weber

Was kann man von Europa erwarten?

In unserer endlosen Serie „Ist das Geld noch zu retten?“ (Nein, nicht nur der Euro, sondern alles, die pakistanische Rupie, der Yen, der Franken, der Taki, der Dollar und vor allem der Renmimbi) heute mit James Burnham (1905–1987). Der Mann aus Chicago verstand sich als Theoretiker der Politik, der als Trotzkist begann und als Konservativer endete.

In seinem Buch „Die Strategien des Kalten Krieges“ (Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft 1950) fand ich im ersten Teil frappierend Zeitloses. Im vierten Kapitel „Was kann man von Europa erwarten?“ formuliert Burnham aus der Sicht des US-Amerikaners Fragen, die uns alte Europäer auch gute sechzig Jahre später noch umtreiben. Ich zitiere aus dem lesenswerten Band:

stop kontrollturm“Die Frage, vor der Europa heute steht, heißt einfacht: ‚Wird Europa am Leben bleiben?‘ Heute allerdings lautet die Frage vielleich besser: ‚Wünscht Europa, am Leben zu bleiben?‘ Hat es nicht den Wunsch, so wird es gewiß nicht am Leben bleiben.“ (S. 83)

Woran liegt es nach James Burnham? Eine Seite später liefert er die nachdenkenswerte Antwort:

„Ein Beweis für das Nachlassen des Lebenswillens liegt in dem Verlust des Gemeinschaftsinns, den ich schon erwähnt habe, in der Demoralisierung, dem Seperatismus und Zynismus.“ (S. 84)

That’s it! Und weiter im Text:

„Die Antwort auf die Frage dieses Kapitels: ‚Was kann man von Europa erwarten?‘ muß lauten: vom europäischen Kontinent unter den jetzigen Verhältnissen wenig und vielleicht weniger als nichts. Die heutigen Regierungen und Regierungsparteien sind jedoch nicht mir Europa identisch, und die jetzigen Verhältnisse brauchen nicht ewig zu dauern.“ (S. 87)

Aber wie, aber wie kann man diesen trüben Zustand überwinden? Auch darauf hat Burnham eine Antwort:

„Übernehmen die Vereinigten Staaten die Verantwortung, ergreifen sie die Initiative und bieten sie echte Führung, dann und nur dann wird Europa eine schöpferische Antwort erteilen. Dasselbe Europa, das heute wie ein greiser Vater erscheint, der das Haus verkommen läßt, das Erbe seiner Kinder durchbringt und mißmutig die Arztrechnungen anschwellen läßt, wird sich dann als kluger Ratgeber und als tapferer Teilhaber am Bau einer neuen Weltordnung erweisen.“ (S. 89f)

Die Engländer haben das verstanden. Deswegen kuscheln sie lieber mit den USA und hoffen weiterhin unverdrossen auf eine neue (alte) Weltordnung. Die Entwicklung bleibt abzuwarten. FADC bleibt am Ball und tritt weiterhin für ein Europa aller Europäer ein.

Mario

Mario Alexander Weber

Pilot & Listenbeauftragter
 
 
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