Was alles fliegt, wer alles fliegt VIII

Samstag, 16 Juli 2011 | gefunkt von Mario Alexander Weber

„Vorspiel“ nennt sich die Rubrik in der spex, in der Musiker in einer Interviewsituation ausgewählte Songs kommentieren dürfen. In der aktuellen spex-Ausgabe mit Lady Gaga vorne drauf wird Bootsy Collins zum Vorspiel eingeladen. Bootsy Collins, Jahrgang 1951, Bassist, Komponist und Sänger, Ufologe und Fixstern im Funkuniversum, Solo und und in den Siebzigern bei Funkadelic/Parliament, kurzum, eine Legende, die stramm auf die 60 zugeht und aktuell mit neuem Album unterwegs ist, legt also los. Nachdem Bootsy Collins sich über James Brown, Jimi Hendrix und über die Etymologie des Fu1975 - Mother Focusnk ausgelassen hat, stellen ihm Jan Kedves und Anne Waak die Gretchenfrage, wie er denn Funk musikalisch definiere.

Funk sei wie sloppy seconds.Sloppy seconds?, fragen die Interviewer nach. Bootsy: „Nun ja, das ist, wenn mehrere Männer Sex mit derselben Frau haben. Der erste macht sein Ding fertig, dann kommt der zweite dran. Wenn schon ein paar Flecken auf dem Laken sind und alles ein bisschen lockerer sitzt – das ist funky!“ Aha, denkt sich der Leser. (Warum bloß fällt mir hier Funky von Tic Tac Toe ein? Und ich sitz‘ auf seinem Schoß, kleine Träume werden groß, ich fühl mich funky … Das hätte ich Bootsy Collins vorgespielt, wäre lustiger gewesen). Das Zitat mit den Flecken auf den Laken ist übrigens die Subheadline des Artikels. Im Interview geht es kommentarlos weiter mit dem nächsten Song. Ist das eine Meldung wert?

Hm, die aktuelle Sexualisierung des Gender-, Post-Porno- und Mode-Magazins spex erstaunt schon ein bisschen. In dieser Ausgabe wird die Subversivität Lady Gagas diskutiert, ein Romanvorabdruck des Wo-ist-die-Vorhaut-Jesu-Christi-hin?-Autors Thomas Meinecke (der schon die Rubrik „Vorspiel“ aufgrund der Konnotationvangelis ablehnen müsste) abgedruckt, Andreas Doraus erläutert, warum die dreizehnjährigen Aushilfsmarinas im Chor von „Fred vom Jupiter“ unsexy sein mussten und am Ende findet man amüsante Kommentare von Andreas Spechtl (Ja, Panik) über die spex-Redaktion („Das sind ganz straighte, heterosexuelle Männer dort. Da geht gar nichts“). Und auf fünf Druckseiten erläutert sloppy-seconds-Collins seine Sicht der Dinge. Ist das schon alles Post-Empire? Ja natürlich, ich schreibe das auch nur, um ungeniert das 1975er-Albumcover (als Sexismus noch state of the art war) der Prog-Rock-Band „Focus“ präsentieren zu können. Musikalisch absolut unfunky, aber auch hier wird ordentlich drübergebügelt, was nicht nur Bootsy Collins gefallen dürfte.

Andere Baustelleridebestof:Night-Song--Bjoernstad-Ketil-Henryson-Svante Vögel und Apokalypse. Natürlich könnte man zurückgehen bis zum alten Griechen Kretares und seinem leider nur als Fragment überliefertem Drama "Der Rabe, die Kriegerin, der Tod". Natürlich müsste man Hitchcocks "Die Vögel" in diesem Zusammenhang erwähnen - und den Soundtrack von Oskar Sala. Man kann aber auch mit einem anderen großen Griechen einsteigen, mit Evangelos Odyssey Papathanassiou, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Vangelis. Das Soundtrack-Cover zu einem mittlerweile vergessenen Frederic-Rossi-Film war es, das bis heute unzählige, weltuntergangsschwangere Vögel-Cover inspirierte.

Wir erinnern uns aber an Noah auf seiner Arche: Eine von Noah losgelassene Taube war es, die mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurückkehrte und so von Land kündigte. Die Apokalypse war noch einmal abgewendet.

lessthanjake muppets

Mario

Mario Alexander Weber

Pilot & Listenbeauftragter
 
 
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